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100 Jahre Altenpflegeheim Neviandtstraße

Um 1900 gab es in Elberfeld zur Versorgung alter Menschen, die nicht mehr in der Familie oder im eigenen Haushalt leben konnten, einige Stifte und Armenhäuser. Die Stifte nahmen nur über 60-jährige Ehepaare und Frauen auf, die ehrbar waren und bereits seit einigen Jahren in der Stadt lebten. Für den Wohnraum und die Nahrung brauchte nichts bezahlt zu werden, eine Pflege war in den Häusern aber nicht möglich. Auch in der Neviandtstraße 37 befand sich eine solche Einrichtung, das 1877 errichtete Neviandtstift. Es wurde von dem Kommerzienrat Eduard Neviandt gestiftet, aber 1943 beim Bombenangriff zerstört und nicht wiederaufgebaut. Auf dem Gelände befindet sich heute ein Lidl-Discountermarkt.

Im 19. Jahrhundert mussten pflegebedürftig gewordene Männer und Frauen, wenn sie nicht mehr in den sogenannten Stiften betreut werden konnten, in das städtische Armenhaus umziehen. Hier wurden alle versorgt, die öffentliche pflegerische Hilfe in Anspruch nehmen mussten. Allerdings brachte das im Jahre 1827 am Neuenteich eröffnete Armenhaus manche Probleme mit sich, die 1905 in einer Denkschrift eingehend dargestellt wurden und als Entscheidungsgrundlage für den Bau eines Altenpflegeheims dienten.

Das Hochhaus von 1973
Das Hochhaus wurde 1973 eröffnet. In jüngerer Zelt wurde außen eine zusätzliche stählerne Treppe als Flucht- und Rettungsweg angebaut.

„Diese erste bürgerliche, für Angehörige aller Konfessionen gemeinsame Anstalt war bestimmt:

  • für solche, die Armenhilfe in Anspruch nehmende Personen, welche arbeitsfähig waren; sie hatten für ihren Unterhalt die ihnen zugewiesenen Arbeiten zu verrichten;
  • für Kinder, welche ohne Unterricht und Erziehung aufwuchsen, sie erhielten Schulunterricht und Pflege und wurden ebenfalls beschäftigt, um sie schon früh an Tätigkeit zu gewöhnen;
  • für Alte, Schwache und Kränkliche, denen Wohnung und Verpflegung gewährt wurde. 
Die Abteilung für Kinder erweiterte sich allmählich auch für Waisen und verlassene Kinder, und diejenige für Alte, auch für Kranke, welche der häuslichen Pflege ermangelten.


In den vierziger Jahren reichte das neue Haus räumlich nicht mehr aus. Es wurde deshalb zuerst für Kinder das Waisenhaus, dann für die Kranken das Krankenhaus errichtet. Seitdem und besonders seit der Neuordnung des Armenwesens ist es nur noch zur Aufnahme einzelndstehender, erwachsener, namentlich alter und schwacher Personen bestimmt.

Die nach hausärztlichen Gutachten nicht völlig arbeitsunfähigen Personen werden nach wie vor nach dem Maße ihrer Verwendbarkeit beschäftigt: in der Haus- und Landwirtschaft und in den Werkstätten (Schreiner, Anstreicher, Maurer usw., die Frauen auch in den Nähstuben) und außerhalb gegen Lohn als Straßenkehrer, Weber, Spuler, Fabrikarbeiter, Raddreher, Flaschenspüler, Ausläufer und im übrigen auch mit Strohflechten.

Für die arbeitsunfähigen und pflegebedürftigen Pfleglinge sind besondere Abteilungen, für Männer und für Frauen, eingerichtet. Die Zahl der Pfleglinge (= Bewohner) des Armenhauses beträgt gegenwärtig 225. Davon befinden sich in den Kranken- und Siechenabteilungen etwa 125. Die übrigen sind mehr oder weniger arbeitsfähig. Bei Beginn des Winters steigt die Zahl der Pfleglinge. Sie betrug schon einmal annähernd 300. Aber schon bei 250, die Normalzahl im Winter, tritt unzulässige Überfüllung ein, zu deren Abwendung Räume des Hauses für Obdachlose als Schlafräume in Mitbenutzung gezogen werden müssen."

Denkschrift
von 1905

Die Denkschrift beschreibt eindringlich die baulichen Unzulänglichkeiten des Armenhauses, die auch durch einige Erweiterungsbauten die Überfüllung kaum bewältigen konnten.

„Was aber die Anstalt schwerer belastet als diese baulichen und räumlichen Mängel, das ist die Qualität eines großen Teils ihrer Pfleglinge. Die Armenverwaltung kann bei der Einweisung derselben keine Sonderung nach der Würdigkeit eintreten lassen und die Unwürdigen nicht ausscheiden. Sie muss eben alle, die berechtigterweise ihre Hilfe in Anspruch nehmen und der Armenpflege bedürfen, dieser einen Anstalt überweisen, da ihr eine andere nicht zur Verfügung steht.

Armenhaus mit
schlechtem Ruf

So besteht denn leider eine große Anzahl der Pfleglinge aus mit Lastern und schlechten Eigenschaften aller Art behafteten Leuten: ehemaligen Prostituierten, aus Gefängnis, Zuchthaus und Arbeitsanstalt Entlassenen und aus der Trunksucht und Liederlichkeit heruntergekommenen Menschen beiderlei Geschlechts, welche mit ihrem Eintritt in die Anstalt ihren schlimmen Neigungen nicht entsagt haben und fortwährend durch brutales und schamloses Betragen die Ruhe und Ordnung stören und das Ansehen der Anstalt nach innen und außen schädigen. Diese Elemente durchsetzen unvermeidlich die ganze Bevölkerung des Hauses, auch die Abteilung für Kranke und Sieche. ... Wie nun das städtische Armenhaus die aus den kirchlichen Pflegeanstalten wegen Unwürdigkeit Ausgestoßenen aufnehmen muss, so bleibt für die ehrbaren Alten, welche ihres Siechtums wegen aus den (städtischen) Stiften ausscheiden müssen, in der Regel auch nur das Armenhaus übrig.

Es fehlt eben in dieser Kette städtischer Einrichtungen ein Glied: ein Pflegeheim für brave, nach arbeitsamer und ehrenhafter Lebensführung durch Krankheit, Alter und Siechtum hilfs- und pflegebedürftig gewordene Einwohner, das neben freundlicher, liebevoller Pflege ein Leben in Ruhe und Frieden in gleichartiger achtbarer Umgebung darbietet. Darauf sind seit langer Zeit die Wünsche der Armenverwaltung gerichtet ..."

Neubau 1910 finanziert
mit Spenden

Im Jahre 1906 stand das Jubiläum der Silbernen Hochzeit Kaiser Wilhelms II. und seiner Gemahlin an. Zu diesem Anlass wünschte sich das Kaiserpaar, dass die Untertanen Spenden zu guten Zwecken geben sollten. Deshalb beschlossen die Elberfelder Stadtverordneten im Herbst 1905 ein Alterspflegeheim zur Aufnahme braver, bedürftiger Männer und Frauen zu errichten, das den Namen „Kaiser-Wilhelm- und Kaiserin-Auguste-Viktoria-Pflegeanstalten" erhalten sollte. So kamen in Elberfeld viele Spenden zusammen, und man konnte 1908 mit dem Bau an der oberen Neviandtstraße beginnen, der am 28. Juli 1910 eingeweiht wurde, im Rahmen der Festlichkeiten zum 300-jährigen Jubiläum der Elberfelder Stadtrechteverleihung.

Die Pflegeanstalt bestand aus einem Frauenhaus und einem Männerhaus mit je drei Pflegeetagen, Schlafräumen (mit 2 bis 10 Betten), Aufenthaltsräumen, Badezimmern, Waschräumen und Schwesternzimmern. Außerdem wurde eine große Kapelle gebaut, die zum Gottesdienst und für Veranstaltungen dienen sollte. Hinzu kamen Verwaltungsräume, ein Arztbüro, Wohnräume für die Schwestern sowie ein Wohnhaus für den Vorsteher, ferner die Wäscherei und die Küche und schließlich die Zentralheizung. Zur Freude und Versorgung der Heimbewohner(innen) wurde ein Garten angelegt mit Blumen- und Gemüsebeeten sowie Schweine- und Hühnerställen. Pfleglinge beteiligten sich soweit es ging an der Versorgung, halfen im Garten und fütterten die Tiere. Frische Blumen aus dem Garten waren in allen Zimmern. Das Heim entsprach damit den neuesten pflegerischen, hygienischen und technischen Einrichtungen der damaligen Zeit.

Im Ersten Weltkrieg wurden die Kapelle und eine Station des Männerhauses in ein Hilfslazarett umgewandelt. Während der vier Kriegsjahre wurden hier 1100 Soldaten gepflegt. Nach 1918 stieg die Zahl der Heimbewohner wieder auf 186 Personen. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Heim weitgehend unbeschädigt. Nach dem Luftangriff im uni 1943 wurden aber viele Insassen (so der damalige Sprachgehrauch) sicherheitshalber nach Thüringen und Bayern evakuiert.

Garten zum Verweilen
Der Garten des Neviandtheims wurde in den letzten Jahren umgestaltet, um auch Bewohnern mit Rollstuhl oder Rollator mehr Plätze zum Verweilen zu bieten. Sogar bettlägerige Personen können nun hinausgefahren werden und neue Eindrücke gewinnen

Unmittelbar nach dem Krieg boten Wuppertals städtische Stifte und Altersheime, die die Bombenangriffe überlebt hatten, insgesamt nur Platz für gerade einmal 272 Personen - viel zu wenig für die riesige Not. Deshalb mussten viele behelfsmäßige Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden. Im städtischen Alterskranken- und Siechenhaus, wie sich das Heim an der Neviandtstraße nun nannte, stieg die Zahl der Insassen auf 268. Die Zahl der Menschen, die pflegebedürftig waren und nicht mehr zu Hause versorgt werden konnten, stieg in den Jahrzehnten nach dem Krieg kontinuierlich an, so dass in den sechziger Jahren ein Neubau geplant wurde: Ein Hochhaus mit 7 Etagen mit Ein- und Zweibettzimmern. Dieser Neubau wurde 1973 fertiggestellt. Er ist mit den alten Gebäuden über einen Gang verbunden, der den Garten einschließt.

vielfältiger Gaten

Die Gartenanlage wurde möglichst vielfältig bepflanzt. So finden sich hier eine Kräuterspirale, Beerensträucher und andere Anregungen für Augen und Nase und manchmal auch zum Naschen, wenn das Obst reif ist

Der Neubau erhielt eine zentrale Bäderabteilung, die damals als das Modernste und Beste für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen galt. Hier konnten bis zu 5 Bewohner in Badewannen nebeneinander gebadet werden. Daneben wurde das Hochhaus mit einer Bettendesinfektionsanlage, mit einer Abteilung für Bewegungstherapie und einer zentralen Sauerstoffversorgungsanlage für jedes Bett sowie Fernsehanschlüssen in allen Zimmern ausgestattet. Hinzu kamen die Verwaltungsabteilung, ein Labor, ein Arztbüro, eine Beschäftigungstherapie und ein Cafe.

Das Hauptaugenmerk lag auf der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Die Pflege wurde anspruchsvoller, moderner und zeitintensiver. Es gab einen ungeheuren Bedarf an Pflegekräften, der aus Deutschland nicht gedeckt werden konnte. Deshalb wurde aus den Philippinen eine Reihe junger Pflegekräfte hierher gebeten. Inzwischen sind die Kinder der damals jungen Frauen groß geworden, einige dieser Pflegekräfte sind in ihre Heimat zurückgekehrt, einige stehen noch als erfahrene alte Schwester ihre Frau.

In den Altbauten wurden die Zehnbettzimmer in Achtbettzimmer umgewandelt. Insgesamt wurden von 1973 bis in die Mitte der achtziger Jahre 360 alte und pflegebedürftige Personen in dem städtischen Alten- und Pflegeheim an der Neviandtstraße versorgt. 1990 wurde das städtische Altenheim „Am Diek" in Wichlinghausen eröffnet. Eine Reihe von Heimbewohnern zog dorthin um. Von diesem Zeitpunkt an gab es keine Achtbettzimmer mehr. In keinem Raum wurden mehr als vier Bewohner (innen) untergebracht. Und diejenigen Schlafräume in den Altbauten, die 1910 als Aufenthaltsräume entstanden waren, wurden nun wieder in Aufenthaltsräume zurück verwandelt.

Die als pflegerische Errungenschaft gepriesene zentrale Badeabteilung wurde stillgelegt, da man inzwischen die Badezimmer auf den Etagen und in Haus B renoviert hatte. Weitere umfangreiche Renovierungsarbeiten in Haus B folgten. So wurden u.a. zwei zusätzliche Flucht- und Treppenhäuser eingebaut. Im ganzen Heim gibt es jetzt nur noch Ein- und Zweibettzimmer. Damit die alten Menschen sich wie zu Hause fühlen, dürfen sie heutzutage auch eigene Möbel mitbringen, soweit sie in diese Räume passen. Das ehemalige Männerhaus C wurde aufgrund von Baumängeln geschlossen. Somit verfügt das Altenpflegeheim Neviandtstraße jetzt über 170 Pflegeplätze.

Am 4. September 2010 feierten die Heimbewohner und Mitarbeiter mit vielen Gästen und Besuchern das 100-jährige Jubiläum.

Mehr informationen:

Bericht in der Zeitschrift 2/2006:
zschrift2-2006/neviandt.html

Webseite des Altenpflegeheims:
http://www.altenheime-wuppertal.de/