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Im folgenden Bericht hat unser
Redakteur einige persönliche Erinnerungen zusammengetragen,
die ihn in 33-jähriger Freundschaft mit unserem verstorbenen
Vorsitzenden verbanden. Diese Zeilen sind sicher aus einer subjektiven
Perspektive entstanden und können kein umfassendes
Porträt darstellen, sie sollen aber versuchen, einen auf
örtlicher Ebene aktiven Politiker an Hand einiger Ereignisse
und Anekdoten zu charakterisieren. * * *
![]() Der
Umbau im Barmer Rathaus
führte zur Schließung des alten Haupteingangs zum
Ratssaal - manche Zeitgenossen sahen darin ein
symbolträchtiges Menetekel, dass es mit Wuppertal
abwärts gehe Ich konnte mich 1975 noch nicht
zum Parteieintritt
entschließen, obwohl ich den damaligen FDP-Kreisvorsitzenden,
Michael Ruppert, schon seit fast zwei Jahrzehnten, noch aus meiner
Pennälerzeit kannte: Michael war Schulsprecher am
Wilhelm-Dörpfeld- Gymnasium und mit meiner zwei Jahre
jüngeren Schwester in einer Klasse. Außerdem war er
zeitweise Mitglied im Wuppertaler Schülerparlament (WSP)
gewesen, das damals im Barmer Rathaus im 1. Sitzungszimmer tagte -
genau eine Etage unter dem Ratssaal, der damals noch in
Längsrichtung möbliert war und den man durch das
Portal mit dem Leitspruch "Salus publica suprema lex" (Das
öffentliche Wohl sei oberstes Gesetz) betrat. Der Spruch ist
die leicht veränderte Fassung des von Cicero in seinem Werk
"De legibus" (Von den Gesetzen) geforderten Grundsatzes: "Salus populi
suprema lex" (Das Wohl des Volkes sei oberstes Gesetz). Die
Tür ist mit dem Umbau des Ratssaals und seiner Drehung um 90
Grad zugemauert worden. Dem Denkmalschutz zuliebe blieb aber die
lateinische Inschrift auf dem Türsturz erhalten. Über
Bürgermeister Karl-Otto Dehnert (FDP) erhielt das
Schülerparlament, in dem damals nur die Gymnasien unserer
Stadt Sitz und Stimme hatten, bescheidene Finanzmittel für die
jugendpolitische Arbeit. In den Jahren 1963/64 war ich
Schriftführer des WSP. "Vergnügungsreferent" - so
nannte man damals den "Schatzmeister" des WSP -war Werner Pfeiffer,
dessen Ehefrau Ingrid seit Jahrzehnten zur Ratsfraktion der FDP
zählt. Fahrt
zum Im Juni 1975 nahm ich an einer
zweitägigen Busfahrt auf
Einladung des Deutschen Bundestages und seines Wuppertaler
FDP-Bundestagsabgeordneten - es war seit 1965 Hans-Dietrich Genscher -
nach Bonn teil. Wir hatten ein Quartier im
altehrwürdigen Schaumburger Hof in Bonn-Plittersdorf, wo viele
alte Stiche mit Porträts aus der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts die Wände zierten. Das Haus war schon zur
Zeit des Jungen Deutschland (1830 ff.) und des Vormärz (die
Jahre vor der Revolution von 1848) ein beliebter Treffpunkt rheinischer
Literaten und Vordenker freiheitlicher Bestrebungen. Unser Reiseleiter,
ein Schüler (nennen wir ihn hier höflicherweise nur
"Jeansboy", da er noch heute außerhalb von NRW in der FDP auf
Landesebene tätig ist), kannte sich noch nicht in Bonn aus und
hieß den Busfahrer auf der rechtsrheinischen Autobahn bis
hinter's Siebengebirge fahren, ehe er bemerkte, dass wir uns bereits
der Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz näherten und Bonn rechts
liegen ließen... So hatte der Wagenlenker das seltene
Vergnügen, seinen Bus mit der Autofähre von
Könisgwinter nach Mehlem schwimmen zu lassen. Meisterspion Im Zuge der Bonner Besuchstermine
unserer Gruppe fiel ein Termin im
EG-Büro in Regierungsviertel aus; stattdessen besuchten wir
die Außenstelle des Bundeskriminalamts in Bad Godesberg, wo
man uns u.a. einige "handwerkliche" Geräte zeigte, mit denen
der just ein Jahr zuvor enttarnte DDR-Spion im Bundeskanzleramt,
Günter Guillaume samt seiner Gattin als "Kundschafter an der
unsichtbaren Front... dem Frieden gedient hatten" (so der offizielle
DDR-Jargon für ihre Westagenten). Man zeigte uns einige der
Gerätschaften, mit denen der Kanzleramtsspion als
persönlicher Referent Willy Brandts gearbeitet hatte. Darunter
war zum Beispiel das Kofferradio, mit dem die verschlüsselten
Anweisungen aus Ost-Berlin per
Kurzwellensender ins Haus Guillaume gelangten, außerdem ein
unscheinbarer hölzerner, vierflammiger Kerzenleuchter im Stil
des Gelsenkirchener Barocks, dessen hölzerner Korpus ein
verstecktes Fach zur Aufbewahrung von Mikrofilmen enthielt. Hinter
einem winzigen Loch mit nur stecknadeldünnem Durchmesser
verbarg sich der Mechanismus zum Öffnen des
Filmaufbewahrungsfachs. Auch ein drittes Utensil hatte es in sich:
äußerlich glich es einem silbernen Zigarettenetui,
in seinem Inneren verbarg sich eine Spezialkamera mit Film, mit der man
Schriftstücke quasi einscannen konnte, wenn das metallene Etui
aufgeklappt wurde. Dass unsere Gruppe ziemlich kurzfristig in dieses
Gemach des BKA in einem rundum mit zahllosen umlaufenden
Drähten an den Innenwänden "tapezierten",
abhörsicher gestalteten Raum gelangen durfte, hatten wir
sicher unserem Gastgeber Genscher zu verdanken, der von Herbst 1969 bis
Mai 1974 Bundesinnenminister und seither Chef des
Außenministeriums war. Bezirksvorsteher Aber kehren wir nach diesem
Abstecher in die Bundeshauptstadt der
Bonner Republik wieder heim nach Wuppertal. Hans Joachim Thias war
Vorsitzender des Ortsverbands Elberfeld der FDP und der damaligen
Bezirksvertretung Elberfeld-Mitte, deren Mitglieder damals noch
indirekt, nämlich vom Rat der Stadt Wuppertal,
gewählt wurden. Erst mit der Änderung der
Gemeindeordnung wurde die Direktwahl der Bezirksvertretungen durch die
Bürger eingeführt. Das Wuppertaler Stadtgebiet wurde
anfangs in 8, ab 1979 in 10 Stadtbezirke aufgeteilt und die Dauer der
Wahlperiode von 4 auf 5 Jahre verlängert. Thias
zählte zu den Elberfelder Bezirksvertretern und wurde von den
Kollegen von SPD und CDU jeweils zum Bezirksvorsteher gewählt.
Außerdem gehörte er dem Rat der Stadt Wuppertal an,
in den er jeweils über die Reserveliste der FDP einzog. Streit
um Am 2. Juli 1981 wurde im
Engelsgarten in Barmen Alfred Hrdlickas
Plastik "Die starke Linke" eingeweiht. Sechs Jahre zuvor hatte der
Stadtrat den Beschluss zur Aufstellung einer Skulptur im Rahmen des
NRW-Programms "Verschönerung der Stadtlandschaft" gefasst und
bald als Standort die Grünanlage zwischen Opernhaus und
Engelshaus bestimmt. Außerdem wollte man mit der Skulptur
einen Bezug zu dem historischen Umfeld schaffen, wo einst mehrere
Häuser der Familie Engels standen. Das Geburtshaus von
Wuppertals berühmtesten Sohn des 19. Jahrhunderts stand nahe
dem heutigen Parkplatz auf der Westseite der
Opernhaus-Werkstätten. Das Fachwerkhaus wurde im Zweiten
Weltkrieg zerstört. Dort befindet sich seit 1958 ein eher
unscheinbarer Gedenkstein von Kurt Schwippert. Thias
pro Nach einigem Hin und Her wurde dem
Wiener Bildhauer Hrdlicka der
Auftrag für die Skulptur erteilt, die der Künstler
aus Carrara-Marmor erschuf. Bis das Werk vollendet war, traten aber
mancherlei Komplikationen auf, die sich zu einem erbitterten Streit
zwischen dem Künstler und der Auftraggeberin (die Stadt
Wuppertal) insbesondere über die Höhe des zu
zahlenden Honorars ausweiteten. Schließlich waren die CDU-
und FDP-Fraktionen im Rat der Stadt nicht mehr bereit, Hrdlickas
erweiterte finanzielle Forderungen abzusegnen. Der SPD-Fraktion, die
das Werk dennoch ankaufen lassen wollte, fehlte allerdings eine Stimme
zur ausschlaggebenden Mehrheit. Hans Joachim Thias hatte aber schon in
einem frühen Stadium der Auseinandersetzungen
angekündigt, dass er die Haltung seiner FDP-Fraktionskollegen
nicht mittragen wolle. In der entscheidenden Abstimmung übte
er Enthaltung. Dadurch hatte die geschlossen für den Ankauf
der Marmorskulptur stimmende SPD-Fraktion nunmehr mehr Jastimmen als
die beiden Nein sagenden Fraktionen. Thias ist für sein
Verhalten in der Ratssitzung stark kritisiert worden vom Lokalchef der
WZ/General-Anzeiger, Michael Hartmann. Dieser hatte am Wochenende vor
der montäglichen Ratssitzung in großer
Aufmachung in seinem Blatt gegen das Hrdlicka-Kunstwerk polemisiert und
teilweise unterhalb der Gürtellinie argumentiert.
Bruch
mit Endgültig zum Bruch mit
der FDP und den Fraktionskollegen kam
es im Herbst 1982, als Parteichef Genscher in Bonn die Koalition mit
Bundeskanzler Helmut Schmidt aufkündigte und das konstruktive
Misstrauensvotum zugunsten von Helmt Kohl (CDU) mittrug. Rund 70
liberale Parteifreunde verließen in Wuppertal die
Wendepartei. In der Sitzung des Stadtrats vom 29. November 1982 bat
Thias, vor Eintritt in die Tagesordnung, eine persönliche
Erklärung abgeben zu wollen. Er hatte bereits den
Parteiaustritt tags zuvor der Presse mitgeteilt.
Oberbürgermeister Gottfried Gurland hatte vorab den Wortlaut
der Erklärung gelesen und erteilte ihm das Wort. Als Thias
nach wenigen Sätzen sagte, "der Konsens zwischen den beiden
Grundströmungen des Liberalismus" sei "einseitig von den
Wirtschaftsliberalen aufgekündigt worden", fielen ihm CDU- und
FDP-Stadtverordnete mit Zwischenrufen ins Wort. Es kam zu tumultartiger
Unruhe auf allen Bänken. Schließlich sagte Thias:
"Ich fühle mich jedoch weiterhin den Wählern
verpflichtet, die der FDP als Partei eines fortschrittlichen,
freisinnigen und sozialen Liberalismus ihre Stimme gegeben haben. (...)
Deshalb werde ich auch zukünftig als Mitglied der Liberalen
Demokraten
die Belange dieser Wählerschaft als Mandatsträger im
Rat der Stadt und in der Bezirksvertretung Elberfeld vertreten. Dies
schließt auch meine Tätigkeit in Fraktionen und
Ausschüssen ein. (...)" fraktionslos Anschließend wurde die
Sitzung auf Antrag der FDP
für zunächst 15 Minuten unterbrochen, um den
Ältestenrat zusammentreten zu lassen. Es muss dort wohl
heiß diskutiert worden sein, denn die Ratssitzung konnte erst
nach anderthalb Stunden fortgesetzt werden. - Thias blieb bis zum Ende
der Wahlperiode im Herbst 1984 als fraktionsloses Mitglied im Rat der
Stadt. Der Versuch der Liberalen Demokraten, als linksliberale Partei
zur Kommunalwahl anzutreten, brachte nur ein äußerst
kümmerliches Ergebnis. In Wuppertal stimmten nur 0,3 Prozent
der Wähler (das waren genau 527 Stimmen!) für die LD.
Ein Jahr später trat Thias der SPD bei, er erhielt aber kein
Mandat mehr bei späteren Kommunalwahlen, zumal er auch nicht
auf aussichtsreichen Listenplätzen kandidierte. Gerhard Hense
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