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Hans Joachim Thias - der Kommunalpolitiker


Im folgenden Bericht hat unser Redakteur einige persönliche Erinnerungen zusammengetragen, die ihn in 33-jähriger Freundschaft mit unserem verstorbenen Vorsitzenden verbanden. Diese Zeilen sind sicher aus einer subjektiven Perspektive entstanden und können kein umfassendes Porträt darstellen, sie sollen aber versuchen, einen auf örtlicher Ebene aktiven Politiker an Hand einiger Ereignisse und Anekdoten zu charakterisieren.

* * *


Ich lernte Hans Joachim Thias wohl im Jahre 1975 oder spätestens Anfang 1976 kennen, als ich Mitglied der FDP und der Jungdemokraten wurde. Eigentlich wollte ich mich im Frühjahr 1975 nur als Wahlhelfer für die anstehende kombinierte Landtags- und Kommunalwahl am 4. Mai 1975 registrieren lassen, um in einem Wahllokal als Beisitzer des Wahlvorstands mitzuarbeiten. So besuchte ich die damalige FDP-Geschäftsstelle im oberen Werth, wo einst die Barmer Filiale des legendären Alfons Müller-Wipperfürth residiert hatte; dieser brachte es als einer der kometenhaften Aufsteiger der Wirtschaftswunderjahre zu großem Vermögen, das aber später in einem Fiasko zerbröselte und aus dem umstrittenen Unternehmer einen der damals prominentesten "Steuerflüchtlinge" der Bonner Republik machte.

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Der Umbau im Barmer Rathaus führte zur Schließung des alten Haupteingangs zum Ratssaal - manche Zeitgenossen sahen darin ein symbolträchtiges Menetekel, dass es mit Wuppertal abwärts gehe

Ich konnte mich 1975 noch nicht zum Parteieintritt entschließen, obwohl ich den damaligen FDP-Kreisvorsitzenden, Michael Ruppert, schon seit fast zwei Jahrzehnten, noch aus meiner Pennälerzeit kannte: Michael war Schulsprecher am Wilhelm-Dörpfeld- Gymnasium und mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester in einer Klasse. Außerdem war er zeitweise Mitglied im Wuppertaler Schülerparlament (WSP) gewesen, das damals im Barmer Rathaus im 1. Sitzungszimmer tagte - genau eine Etage unter dem Ratssaal, der damals noch in Längsrichtung möbliert war und den man durch das Portal mit dem Leitspruch "Salus publica suprema lex" (Das öffentliche Wohl sei oberstes Gesetz) betrat. Der Spruch ist die leicht veränderte Fassung des von Cicero in seinem Werk "De legibus" (Von den Gesetzen) geforderten Grundsatzes: "Salus populi suprema lex" (Das Wohl des Volkes sei oberstes Gesetz). Die Tür ist mit dem Umbau des Ratssaals und seiner Drehung um 90 Grad zugemauert worden. Dem Denkmalschutz zuliebe blieb aber die lateinische Inschrift auf dem Türsturz erhalten. Über Bürgermeister Karl-Otto Dehnert (FDP) erhielt das Schülerparlament, in dem damals nur die Gymnasien unserer Stadt Sitz und Stimme hatten, bescheidene Finanzmittel für die jugendpolitische Arbeit. In den Jahren 1963/64 war ich Schriftführer des WSP. "Vergnügungsreferent" - so nannte man damals den "Schatzmeister" des WSP -war Werner Pfeiffer, dessen Ehefrau Ingrid seit Jahrzehnten zur Ratsfraktion der FDP zählt.

Fahrt zum
Bundestag

Im Juni 1975 nahm ich an einer zweitägigen Busfahrt auf Einladung des Deutschen Bundestages und seines Wuppertaler FDP-Bundestagsabgeordneten - es war seit 1965 Hans-Dietrich Genscher - nach Bonn teil. Wir hatten ein Quartier im altehrwürdigen Schaumburger Hof in Bonn-Plittersdorf, wo viele alte Stiche mit Porträts aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Wände zierten. Das Haus war schon zur Zeit des Jungen Deutschland (1830 ff.) und des Vormärz (die Jahre vor der Revolution von 1848) ein beliebter Treffpunkt rheinischer Literaten und Vordenker freiheitlicher Bestrebungen. Unser Reiseleiter, ein Schüler (nennen wir ihn hier höflicherweise nur "Jeansboy", da er noch heute außerhalb von NRW in der FDP auf Landesebene tätig ist), kannte sich noch nicht in Bonn aus und hieß den Busfahrer auf der rechtsrheinischen Autobahn bis hinter's Siebengebirge fahren, ehe er bemerkte, dass wir uns bereits der Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz näherten und Bonn rechts liegen ließen... So hatte der Wagenlenker das seltene Vergnügen, seinen Bus mit der Autofähre von Könisgwinter nach Mehlem schwimmen zu lassen.

Meisterspion
Guillaume

Im Zuge der Bonner Besuchstermine unserer Gruppe fiel ein Termin im EG-Büro in Regierungsviertel aus; stattdessen besuchten wir die Außenstelle des Bundeskriminalamts in Bad Godesberg, wo man uns u.a. einige "handwerkliche" Geräte zeigte, mit denen der just ein Jahr zuvor enttarnte DDR-Spion im Bundeskanzleramt, Günter Guillaume samt seiner Gattin als "Kundschafter an der unsichtbaren Front... dem Frieden gedient hatten" (so der offizielle DDR-Jargon für ihre Westagenten). Man zeigte uns einige der Gerätschaften, mit denen der Kanzleramtsspion als persönlicher Referent Willy Brandts gearbeitet hatte. Darunter war zum Beispiel das Kofferradio, mit dem die verschlüsselten Anweisungen aus Ost-Berlin per Kurzwellensender ins Haus Guillaume gelangten, außerdem ein unscheinbarer hölzerner, vierflammiger Kerzenleuchter im Stil des Gelsenkirchener Barocks, dessen hölzerner Korpus ein verstecktes Fach zur Aufbewahrung von Mikrofilmen enthielt. Hinter einem winzigen Loch mit nur stecknadeldünnem Durchmesser verbarg sich der Mechanismus zum Öffnen des Filmaufbewahrungsfachs. Auch ein drittes Utensil hatte es in sich: äußerlich glich es einem silbernen Zigarettenetui, in seinem Inneren verbarg sich eine Spezialkamera mit Film, mit der man Schriftstücke quasi einscannen konnte, wenn das metallene Etui aufgeklappt wurde. Dass unsere Gruppe ziemlich kurzfristig in dieses Gemach des BKA in einem rundum mit zahllosen umlaufenden Drähten an den Innenwänden "tapezierten", abhörsicher gestalteten Raum gelangen durfte, hatten wir sicher unserem Gastgeber Genscher zu verdanken, der von Herbst 1969 bis Mai 1974 Bundesinnenminister und seither Chef des Außenministeriums war.

Bezirksvorsteher
und Ratsmitglied

Aber kehren wir nach diesem Abstecher in die Bundeshauptstadt der Bonner Republik wieder heim nach Wuppertal. Hans Joachim Thias war Vorsitzender des Ortsverbands Elberfeld der FDP und der damaligen Bezirksvertretung Elberfeld-Mitte, deren Mitglieder damals noch indirekt, nämlich vom Rat der Stadt Wuppertal, gewählt wurden. Erst mit der Änderung der Gemeindeordnung wurde die Direktwahl der Bezirksvertretungen durch die Bürger eingeführt. Das Wuppertaler Stadtgebiet wurde anfangs in 8, ab 1979 in 10 Stadtbezirke aufgeteilt und die Dauer der Wahlperiode von 4 auf 5 Jahre verlängert. Thias zählte zu den Elberfelder Bezirksvertretern und wurde von den Kollegen von SPD und CDU jeweils zum Bezirksvorsteher gewählt. Außerdem gehörte er dem Rat der Stadt Wuppertal an, in den er jeweils über die Reserveliste der FDP einzog.

Streit um
Hrdlicka

Am 2. Juli 1981 wurde im Engelsgarten in Barmen Alfred Hrdlickas Plastik "Die starke Linke" eingeweiht. Sechs Jahre zuvor hatte der Stadtrat den Beschluss zur Aufstellung einer Skulptur im Rahmen des NRW-Programms "Verschönerung der Stadtlandschaft" gefasst und bald als Standort die Grünanlage zwischen Opernhaus und Engelshaus bestimmt. Außerdem wollte man mit der Skulptur einen Bezug zu dem historischen Umfeld schaffen, wo einst mehrere Häuser der Familie Engels standen. Das Geburtshaus von Wuppertals berühmtesten Sohn des 19. Jahrhunderts stand nahe dem heutigen Parkplatz auf der Westseite der Opernhaus-Werkstätten. Das Fachwerkhaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dort befindet sich seit 1958 ein eher unscheinbarer Gedenkstein von Kurt Schwippert.

Thias pro
Hrdlicka

Nach einigem Hin und Her wurde dem Wiener Bildhauer Hrdlicka der Auftrag für die Skulptur erteilt, die der Künstler aus Carrara-Marmor erschuf. Bis das Werk vollendet war, traten aber mancherlei Komplikationen auf, die sich zu einem erbitterten Streit zwischen dem Künstler und der Auftraggeberin (die Stadt Wuppertal) insbesondere über die Höhe des zu zahlenden Honorars ausweiteten. Schließlich waren die CDU- und FDP-Fraktionen im Rat der Stadt nicht mehr bereit, Hrdlickas erweiterte finanzielle Forderungen abzusegnen. Der SPD-Fraktion, die das Werk dennoch ankaufen lassen wollte, fehlte allerdings eine Stimme zur ausschlaggebenden Mehrheit. Hans Joachim Thias hatte aber schon in einem frühen Stadium der Auseinandersetzungen angekündigt, dass er die Haltung seiner FDP-Fraktionskollegen nicht mittragen wolle. In der entscheidenden Abstimmung übte er Enthaltung. Dadurch hatte die geschlossen für den Ankauf der Marmorskulptur stimmende SPD-Fraktion nunmehr mehr Jastimmen als die beiden Nein sagenden Fraktionen. Thias ist für sein Verhalten in der Ratssitzung stark kritisiert worden vom Lokalchef der WZ/General-Anzeiger, Michael Hartmann. Dieser hatte am Wochenende vor der montäglichen Ratssitzung in großer Aufmachung in seinem Blatt gegen das Hrdlicka-Kunstwerk polemisiert und teilweise unterhalb der Gürtellinie argumentiert.

Im Kommentar nach der Ratssitzung riet Hartmann seiner Leserschaft, sich bei Herrn Thias zu bedanken, dem unsere Stadt nun ein Werk von Alfred Hrdlicka zu "verdanken" habe.

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Im Herbst 2008 aufgenommen: Hans Joachim Thias mit Ehefrau Meta und OB Peter Jung bei der Feier anlässlich des 80. Geburtstags.


Das Verhältnis zwischen Hartmann und Thias erfuhr eine weitere Trübung, als Thias den damaligen lokalen WZ-Chefredakteur bei anderer Gelegenheit -das dürfte im Vorfeld der Kommunalwahl im Herbst 1984 gewesen sein -einmal im Ratscasino in der Pause einer Ratssitzung traf und ihn mit den Worten begrüßte: "Sie sind mir ja ein guter CDU-Wahlkampfberater". Der Angesprochene habe daraufhin, berichtet mir Hans Thias später, empört reagiert und betont, er sei parteiunabhängig. Wenn Herr Thias auf seiner Behauptung bestehe, werde dies eine Verleumdungsklage nach sich ziehen. Dazu habe er, Thias, nur lakonisch angemerkt: "Dass Sie die CDU im Wahlkampf beraten werden, haben mir doch vorhin zwei Kollegen aus der CDU-Fraktion persönlich erzählt."

Bruch mit
der FDP

Endgültig zum Bruch mit der FDP und den Fraktionskollegen kam es im Herbst 1982, als Parteichef Genscher in Bonn die Koalition mit Bundeskanzler Helmut Schmidt aufkündigte und das konstruktive Misstrauensvotum zugunsten von Helmt Kohl (CDU) mittrug. Rund 70 liberale Parteifreunde verließen in Wuppertal die Wendepartei. In der Sitzung des Stadtrats vom 29. November 1982 bat Thias, vor Eintritt in die Tagesordnung, eine persönliche Erklärung abgeben zu wollen. Er hatte bereits den Parteiaustritt tags zuvor der Presse mitgeteilt. Oberbürgermeister Gottfried Gurland hatte vorab den Wortlaut der Erklärung gelesen und erteilte ihm das Wort. Als Thias nach wenigen Sätzen sagte, "der Konsens zwischen den beiden Grundströmungen des Liberalismus" sei "einseitig von den Wirtschaftsliberalen aufgekündigt worden", fielen ihm CDU- und FDP-Stadtverordnete mit Zwischenrufen ins Wort. Es kam zu tumultartiger Unruhe auf allen Bänken. Schließlich sagte Thias: "Ich fühle mich jedoch weiterhin den Wählern verpflichtet, die der FDP als Partei eines fortschrittlichen, freisinnigen und sozialen Liberalismus ihre Stimme gegeben haben. (...) Deshalb werde ich auch zukünftig als Mitglied der Liberalen Demokraten die Belange dieser Wählerschaft als Mandatsträger im Rat der Stadt und in der Bezirksvertretung Elberfeld vertreten. Dies schließt auch meine Tätigkeit in Fraktionen und Ausschüssen ein. (...)"

fraktionslos
im Rat

Anschließend wurde die Sitzung auf Antrag der FDP für zunächst 15 Minuten unterbrochen, um den Ältestenrat zusammentreten zu lassen. Es muss dort wohl heiß diskutiert worden sein, denn die Ratssitzung konnte erst nach anderthalb Stunden fortgesetzt werden. - Thias blieb bis zum Ende der Wahlperiode im Herbst 1984 als fraktionsloses Mitglied im Rat der Stadt. Der Versuch der Liberalen Demokraten, als linksliberale Partei zur Kommunalwahl anzutreten, brachte nur ein äußerst kümmerliches Ergebnis. In Wuppertal stimmten nur 0,3 Prozent der Wähler (das waren genau 527 Stimmen!) für die LD. Ein Jahr später trat Thias der SPD bei, er erhielt aber kein Mandat mehr bei späteren Kommunalwahlen, zumal er auch nicht auf aussichtsreichen Listenplätzen kandidierte.

Aber in einem anderen Ehrensamt war Hans Joachim Thias viele Jahre auf der Gerichtsinsel tätig: als Laienrichter (Schöffe) am Landgericht.

Gerhard Hense


Mehr Informationen:

Nachruf von Ralph Hagemeyer

Trauer um Hans Joachim Thias