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Dem Dom zu Kölle aufs Dach gerückt


Einen Kölnausflug der besonderen Art unternahm unser Bürgerverein am 8. August. Wir nutzten ein erst seit wenigen Jahren bestehendes Angebot der Kölner Dombauverwaltung, um einen der "Sonderbereiche" des gotischen Gotteshauses zu besichtigen. Eigentlich hatte ich mit einer viel lebhafteren Nachfrage im Kreis der Mitglieder und Gäste gerechnet und geglaubt, wir brächten spielend zwei Gruppen à 17 Personen zusammen, die mit dem Aufzug der Dombauhütte dem Himmel entgegen gleiten dürften. Aber ich hatte nicht berücksichtigt, dass ich mit meinen damals gerade mal 63 Jahren doch eher zur jüngeren Hälfte der Anhängerschar des Bürgervereins zählen dürfte. Vielleicht hat auch der Hinweis in der Einladung, man müsse höhenfest und schwindelfrei sein (das hatte mir die Dombauverwaltung vorab bei den Teilnahmebedingungen mitgeteilt) einzelne Interessierte abgehalten. Aber auch eine Dreiergruppe vom "harten Kern" unserer jahrzehntelangen Mitglieder und Ausflügler musste leider aus nicht vorhersehbaren familiären Gründen kurzfristig absagen.

Die Gruppe des Bürgervereins
Unsere Gruppe auf der Freitreppe vom Bahnhofsvorplatz zur Domplatte


So kam schließlich nur eine kleine, aber hochmotivierte Schar zusammen. Der Aufzug der Dombauhütte brachte unsere zwölfköpfige Gruppe und den Begleiter an einer Zahnstange leicht ruckelnd hinauf in lichte 45 Meter Höhe just dorthin, wo die Traufe um die Hauptdächer des Doms herum verläuft.

Balustraden-Etage

Auf der "Balustraden-Etage" des Kölner Doms erreicht man vom Aufzug der Dombauhütte aus den Umgang. Dahinter das mit zentnerschweren Bleiplatten eingedeckte Dach

Eine etwa mannshohe steinerne Balustrade schützte uns vor den Gefahren der Tiefe, gewährte uns aber auch wunderbare Durchblicke über die Stadt Köln bis weit hinaus zu den Ringen aus wilhelminischer Zeit und den jenseits des Eisenbahnrings gelagerten Vororten, deren Kirchtürme allerdings in den diesig-grauen Dunst der feuchten Luft entwichen.

Als wir den Dachumgang betraten, bot sich ein überwältigender Blick: Wir schauten hinab auf die großen Strebebögen, die die Gewölbe des Langhauses gegen ein Auseinanderbersten schützen. Und die zahllosen Fialen, die kleinen Ziertürmchen mit ihren Krabben und Possen, auch Kriechblumen genannt, sahen wir aus nächster Nähe. Spontan fühlten wir uns an Szenen des Filmklassikers "Der Glöckner von Notre-Dame" erinnert, wo der missgestaltete Gnom Quasimodo der anmutig unbescholtenen Zigeunerin Esmeralda auf dem Turm der Kathedrale Asyl gewährt, um sie vor Nachstellungen eines lüsternen Geistlichen zu bewahren...

Dachstuhl des Domes

Unter dem stählernen Dachstuhl stehen Kölns teuerste Toiletten - mit über 40 Meter langem Fallrohr gegen Verstopfungen garantiert immun...

Unser Führer, ein Steinmetz der Dombauhütte lenkte unseren Blick auf die unterschiedlich gefärbten Steine der Mauern und Türmchen: Sie bestehen aus unterschiedliche Steinsorten, von denen die eine sich eher durch Härte des Materials auszeichnet, während die andere Gesteinsart etwas weicher ist. In abwechselnden Lagen verarbeitet, garantiert die vielschichtige Bauweise eine gewisse Elastizität der einzelnen Baukörper des riesigen Gotteshauses.

Der Hauptbahnhof

Der Kölner Hauptbahnhof vom Dom aus gesehen

Das ist im Falle von Erdstößen oder Erdbeben wichtig, die im Rheinland und der Eifel eher auftreten als im Bergischen Land. Schon die Baumeister des Hochmittelalters wussten von solchen Gefahren, sie verfügten aber noch nicht über die Berechnungsmethoden und Simulationstechniken heutiger Ingenieure und Statiker. Die differenzierte Mauerschichtung hat den Effekt, dass sich das Mauerwerk und die steinernen Verzierungen flexibel verhalten und gegen Einsturzgefahr weitgehend gefeit sind. Allerdings verwittern die Steinlagen unterschiedlich, wie man aus unmittelbarer Nähe gut erkennen konnte. Der weiche Sandstein hat eine kürzere Lebensdauer im Hinblick auf Auswaschungen durch sauren Regen usw. So werden die Steinmetze der Dombauhütte nie arbeitslos...

Das Tritorium Strebepfeiler des Domes
Unser Führer demonstriert, wie schmal der Gang des Triforiums ist..
Die Strebepfeiler des Doms


Der Dachstuhl des Doms wurde in den 1870er Jahren vor seiner Vollendung in Gestalt eines Stahlskeletts mit genieteten Bauteilen konstruiert, jener damals noch recht neuen Technik, die wir beispielsweise vom Eiffelturm, der Müngstener Brücke und dem historischen Schwebebahngerüst kennen. Beim Blick von außen aufs Domdach ahnt man nichts vom damaligen technischen Fortschritt, da sich der gesamte Baukörper äußerlich an den alten Fassadenplänen aus dem 13. Jahrhundert orientiert - auch wenn über 600 Jahre ins Land zogen, bis der Dom im Herbst 1880 im Beisein von Kaiser Wilhelm I. eingeweiht wurde. Unter dem riesigen Dachstuhl blickten wir von oben auf die gotischen Spitzbogengewölbe, die von schützenden Kalotten überzogen sind. Im Dachgeschoss befinden sich zwei Toilettenhäuschen für die Mitarbeiter(innen) der Dombauhütte - Kölns teuerste WCs, wie unser Führer augenzwinkernd anmerkte. Dafür seien sie aber gegen Verstopfung des Abflussrohrs gut gefeit - bei 45 m senkrechtem Fall der abzuleitenden Dinge...

Lagerstätte im Dachfirst

Auf Stegen über den Kalotten der Spitzgewölbe hat man Originalteile des alten "Hahnenkamms" vom Dachfirst des Langhauses eingelagert

Über eine enge Wendeltreppe, die deutlich schmaler angelegt wurde als die zum Publikumsverkehr freigegebene Wendeltreppe im Südturm des Doms zur 97 m hoch gelegenen Aussichtsplattform, gelangten wir ins Triforium. So nennt man jenen schmalen Gang in den Seitenwänden des Langhauses, der oberhalb der Gewölbe zu den Seitenschiffen bereits zur Zeit der Romanik und vor allem der Gotik gebaut wurde - angelegt meist aus gestalterischen Gründen, ohne eigentliche Zweckbestimmung für einen nutzbaren Gang. Sehr beeindruckend war auch der Blick durchs Langhaus von der Westempore nahe den Haupttürmen herüber zum Hochaltar mit dem Dreikönigsschrein. Die Sichtbeziehung von hier oben schien uns schon fast entrückt zu haben vom kirchlichen Geschehen im "Erdgeschoss" des Doms.

In jüngerer Zeit wurde nahe beim nördlichen Querhaus die sogenannte Schwalbennestorgel eingebaut (1998). Dieses Instrument wurde möglichst unauffällig in die gotische Innenarchitektur des Doms eingefügt, um akustische Probleme des Schalls zwischen Orgelspiel und Gemeindegesang zu überwinden. Die junge Orgel besitzt ein besonderes Register mit der Aufschrift "Löss jon" (Lass' gehen). "Allerdings verleiht es dem Instrument keinen besonderen Klang. Es lässt eine Holzfigur des ehemaligen Dompropstes Bernard Henrichs an der Unterseite herausfahren. Dieser trägt eine Narrenkappe und grüßt zur Melodie von ,M'r losse d' Dom in Kölle' die Besucher" (so ein Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers vom 1. Oktober 2009). Damit diese Belustigung nicht versehentlich bei unpassender Gelegenheit -etwa bei Heiligen Messen mit Abendmahl - in Gang gesetzt wird, hat man einen besonderen Schutzschalter eingebaut, der den Organisten vor peinlichen Fehlbedienungen schützt...

Blick von der Westempore

Blick von der Westempore (ca. 25 m hoch) durchs Langhaus zum Chor. Hinten links schmiegt sich in luftiger Höhe die Schwalbennestorgel flach an die Seitenwand

Als wir schließlich auf den Boden der Kirche zurückkehrten, mussten wir leider auf einen Innenrundgang verzichten, da der Innenraum des Doms gerade für Gottesdienstbesucher reserviert wurde und die Domschweizer die nur zur Besichtigung erschienenen Gäste und damit auch unsere Gruppe zum Ausgang drängten.

Als der Dom anno 1880 vollendet wurde, hatte man die Dombauhütte abgerissen in dem guten Glauben, nun werde sie nicht mehr benötigt. Aber bereits wenige Jahre später wurde sie wieder eingerichtet, und der Dom ist seither eine ewige Baustelle! Schon im Jahre 1902 zeigten sich starke Verwitterungserscheinungen. 1927 mussten 72 Werkleute wieder ausgebildet werden, um die vom sauren Regen verursachten Schäden (Schwefelsäure in den Rauchgasen der Großstadt) an den Sandsteinsorten aus mittelalterlicher und neuester Zeit zu bekämpfen. Seit dem Herbst 1970 besitzt die Dombauhütte die unterirdischen Räume bzw. den in der Versenkung angelegten Innenhof an der Südost-Ecke des Doms, unmittelbar neben dem Römisch-Germanischen Museum, dessen Gebäude im Frühjahr 1974 eingeweiht wurde. Wir schauten von der Domplatte in den Werkstatthof hinab.

Hohenzollernbrücke

Die Hohenzollernbrücke mit den Zügen, die aus der Höhe klein wie Modelleisenbahnen aussehen. Links hinter der Fiale hebt sich aus dem Dunst der Messeturm auf der Deutzer Seite kaum ab.

Das Wetter hätte zwar besser sein können - kein Sonnenstrahl lugte hinter den Wolken des dicht bedeckten Himmels hervor, und die Luft schien schon recht feucht zu sein. Aber immerhin war Petrus so gnädig, den stärkeren Nieselregen erst einsetzen zu lassen, als wir uns am Spätnachmittag wieder auf den Rückweg zum Hauptbahnhof machten.
Nach einer Mittagspause, die jeder Teilnehmer individuell nutzen konnte, trafen wir uns wieder auf der Freitreppe vor dem Schokoladenmuseum. Diese private Einrichtung gehört zum ImhoffKonzern, der der Stadt Köln mit der Stiftung eine Art Wiedergutmachung für den Verlust vieler Arbeitsplätze beim 1980 vollzogenen Auszug der traditionellen Stollwerckfabrik aus der Kölner Südstadt nach Porz leistete. Außerdem waren beim Umzug zahlreiche wertvolle Unterlagen aus der traditionsreichen Firmengeschichte wiederaufgetaucht. 1865 hatte Franz Stollwerck, ein Kölner Zuckerbäcker, mit der Fabrikation von Schokolade begonnen.

Blick nach Süden

Blick nach Süden mit dem markanten Turm von Groß St. Martin und weiter rechts dem Turm des Alten Rathauses.

Das Museum wurde im Kölner Rheinauhafen auf einer Halbinsel mit dem Gelände einer alten Zollstation und vorgelagerter Drehbrücke errichtet. Der weitgehend verglaste Neubau erinnert an den Schiffsbug eines großen Freizeitdampfers, der im Rhein schwimmt. Das Museum liegt nur wenige Gehminuten flussaufwärts vom Dom entfernt, zwischen der Deutzer Brücke und der Severinsbrücke mit dem großen Pylon. Die Besucher des Museums erleben zunächst den Werdegang des Kakaobaums und den Weg von einem Pflanzenkeim zur erntereifen Kakaobohne. Ein über eine gläserne Schleuse betretbarer Tropenraum mit feuchtem Urwaldklima ließ uns fühlen, unter welchen besonderen Bedingungen die Kakaostauden nur gedeihen und zu haushohen Bäumen aufwachsen können. Zu den wichtigsten Kakao-Exportländern gehören die Elfenbeinküste, Ghana und Nigeria. Aber auch in Teilen Asiens (insbesondere in Indonesien) und Südamerikas (u. a. in Brasilien) wird Kakao erzeugt. Wir können an dieser Stelle nun nicht die komplizierten Entfaltungen der Natur und die Verarbeitung zur kulinarischen Spezialität darstellen. Fahren Sie doch auch mal nach Köln und besuchen Sie das Schokoladenmuseum!

Gerhard Hense

Gruppe im Schokoladenmuseum
In zwei Kleingruppen besuchten wir das Schokoladenmuseum


Mehr Informationen zu den Tages-Fahrten des Vereins:

zschrift2-2007/fahrten.html

zschrift1-2006/wasserschloss.html

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