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Zwei
Gästebücher des Bürgervereins
schrieben Geschichte
Vor
mir liegen zwei Gästebücher des
Bürgervereins der äußeren Südstadt
Elberfeld. Ein Stück geschichtliche Vergangenheit! Bedeutsam
in einer Zeit, wo mehr und mehr der Sinn für geschichtliche
Zusammenhänge und historisches Bewusstsein zu schwinden
scheint. Es war ein guter Gedanke, die Bücher zu
führen und damit nicht nur den Verein als anonyme
Organisation, sondern die Menschen, die ihn darstellten, der
Vergessenheit zu entreißen. Und diese Menschen waren
Persönlichkeiten, die in der Südstadt wohnten, die
Südstadt liebten und sich ihrem Aufbau und ihrer
Schönheit widmen wollten.
1. Gästebuch:
Zeitraum 1951 - 1964
Das
erste Gästebuch beginnt mit der Nikolausfeier 1951 und endet
mit dem Nikolaustag am 6. Dezember 1964. 13 Jahre liegen dazwischen, 13
Jahre, in denen der Wiederaufbau rasche Fortschritte machte, in denen
gleichzeitig der Bürgerverein ein Wort der Verantwortung
mitsprach durch Bürger, die ihre freie Meinung sagten und
versuchten, diese durchzusetzen.
Namen
sollen in dieser Rückschau lebendig werden. An erster Stelle
steht 1951 - gleichzeitig die erste Eintragung im Gästebuch -
Franz Hünerbein. Aber neben ihm und seiner Gattin finden wir
auch schon die Eintragung von Frau Hilde Gilfert. Die Beteiligung war
sehr groß. 95 Namen werden aufgezählt. Eine
beachtliche Zahl. Können wir so etwas wiederholen? Man sollte
alle Anstrengungen dazu unternehmen, denn auch Bezirksvertretungen
haben die Bürgervereine nicht unnötig gemacht. Hier
steckt mehr bürgerschaftliches Leben, das auch in der Harmonie
eines Festes nachbarschaftliche Beziehungen pflegt, als nur in der
Bürokratie einer parlamentarischen Vertretung.
Lichtbildervortrag über
Amerika
gut besucht
Auffallende
Namen: Otto Klischan und Doris Klischan, Fuhlrottstraße 12a.
Wir können froh und dankbar sein, in diesem Zusammenhang an
den Namen Klischan erinnert zu werden und selbst erinnern zu
dürfen. Otto Klischan war immer ein Stück Wuppertal.
Er liebte seine Heimatstadt und gab ihr viele Anregungen mit auf den
Weg. Sein Name ist auch ein Begriff in der Südstadt und im
Bürgerverein. Der Begriff wird bleiben. Darüber
können auch Missverständnisse und kontroverse
Meinungen nicht hinwegtäuschen. Im Bürgerverein war
er nicht nur passives und zahlendes Mitglied. Wie es sich für
die dynamische Persönlichkeit dieses einzigartigen Mannes
gehörte, nahm er aktiv am Leben im Bürgerverein teil.
So verzeichnet das Gästebuch am 7. Oktober 1952 eine
Versammlung, auf der ein Lichtbildervortrag von Otto Klischan
über seine Amerikareise stattfand. 68 Personen hörten
ihm interessiert zu. Ein voller Erfolg, der 1952 noch seine ganz
besondere Bedeutung hatte. Wer war damals nach dem unheilvollen Krieg
schon in den Vereinigten Staaten gewesen?
Persönlichkeiten
prägten das Menschenbild
Interessant
ist, die Teilnehmerliste ein wenig zu studieren. Da finden wir den
Namen von Karl Lisner, dem bekannten Pädagogen, der heute noch
in der Steubenstraße lebt. Generationen - vornehmlich von
Schülerinnen - erinnern sich seiner. Da lesen wir auch den
Namen von Hans Döhn, dem Gründer des heute noch in
der Südstadt auf dem Freudenberg beheimateten Tennis-Clubs
Grün-Weiß, da lesen wir auch den Namen der
geachteten Handwerkerfamilie Jünemann, wir nehmen die Namen
Schreiber, Fabian und Pistor wahr. Sie alle prägten das
Menschenbild der Südstadt in einer familiären
Atmosphäre, die heutzutage immer mehr verloren geht.
Das
Gästebuch ist unbestechlich. Wir können uns darauf
verlassen. Da fällt der Abend des 5. Mai 1953 auf. Damals
sprach Zoodirektor Dr. Müller, dessen Nachfolger Dr. Haas wir
übrigens einmal zu einem neuerlichen Vortrag einladen sollten.
Der Zoo bleibt interessant, wenn er auch in der neuesten Diskussion
umstritten ist. In diesen Monaten taucht auch zum ersten Mal der Name
Dr. Friedrich Hagemeyer auf. Er wurde der Nachfolger von Franz
Hünerbein, der Bewahrer der Tradition des
Bürgervereins. Von 1953 finden wir die Namen
Hünerbein und Hagemeyer im Gästebuch immer
einträchtig nebeneinander. Sie besuchten jede Veranstaltung,
sie waren an Treue zum Bürgerverein, auch in der
Überzeugung, dass dieser Bürgerverein eine strikte
Notwendigkeit darstellte, nicht zu übertreffen.
Häufige gemeinsame Fahrten
stärkten das Gemeinschaftsgefühl
Was
fällt noch auf? Es wurden mehr gemeinsame Fahrten als
heutzutage gemacht. Das Gemeinschaftsgefühl der
Bürger untereinander war größer und
herzlicher, vielleicht auch, weil der Bezirk der Südstadt noch
leichter und besser überschaubar war. Da lesen wir von Fahrten
nach Habenichts, vom zwanglosen Karneval am 4. Oktober 1955, von einer
Fahrt ins Blaue am Himmelfahrtstag des Jahres 1955., die nach Erp bei
Lechenich führte und gleichzeitig ein zünftiges
Frühlingsfest wurde, von einer Wanderung zur Jugendherberge in
Wuppertal, von einer Fahrt nach Köln zur Besichtigung der
Fordwerke in Niehl, von einer Besichtigung der
Wicküler-Küpper-Brauerei am 24. Oktober 1957, von
einer Nachmittagsfahrt zum Restaurant "Baldeneyer Fähre", von
einer Betriebsbesichtigung bei Vorwerk und Co., von einem Tagesausflug
am 16. Juli 1960 wieder nach Erp in die Villa Voss (Fritz und
Käthe Voss!) und von vielen, vielen anderen Veranstaltungen,
die Beifall und Interesse fanden.
Wer
die Akzente richtig setzen will, muss natürlich auch
erwähnen, dass nicht immer alles Gold war, was
glänzte. So meldet das Gästebuch: Es muss die
für den 2. Februar 1954 angesetzte Jahreshauptversammlung
verschoben werden. Grund: wegen zu geringer Beteiligung. Am 9.
März 1954 ging diese dann über die Bühne.
Bürgerverein stiftet
Denkmal
“Der Wanderer“
Nun ein
Blick auf einige berühmte oder typische Wuppertaler Namen und
Persönlichkeiten. Da lesen wir am 31. Juli die Widmungen
zweier Wuppertaler Kommunalpolitiker, die in ihrer Zeit mit Recht einen
bedeutsamen Namen hatten und hier der Vergessenheit entrissen werden
sollten. Der damalige Bürgermeister Erich Kemper (FDP) schrieb
am 31. Juli 1954 zur Enthüllung des Denkmals "Der Wanderer",
das der Bürgerverein für den Freudenberg stiftete, in
unser Gästebuch als offizieller Vertreter der Stadt Wuppertal:
"Der Geist des Wanderers möge die Arbeit des
Bürgervereins der äußeren Südstadt
gestalten." Und Stadtdirektor Goeke (SPD) fügte hinzu:
"Möge das Denkmal in langen Jahren ein glückliches
Volk in langen Friedenszeiten sehen." Er hat bis heute recht gehabt.
Heimatdichter und
Heimatforscher tragen vor
Andere
Namen fallen auf. Am 21. April 1956 spricht zum ersten Mal Dr. Heinz
Wolff über "Grundzüge der Entwicklung Wuppertals". Am
19. Juni hörte man den unvergessenen Heimatdichter Viktor
Friedrich Storck über das Thema: "Zwei Elberfelder Wirte und
alte Kämpfer aus den Befreiungskriegen". Der bekannte
Heimatforscher Friedrich Kerst stellte sich am 25. September 1956 mit
einem hochinteressanten Vortrag vor: "Von der Stadt zum Husar und
Hahnerberg. Ein Gang durch die Heimatgeschichte. Alte Höfe an
alten Wegen."
Nicht
zu übersehen ist auch der am 24. September 1958 hundert Jahre
alt gewordene Rechnungsrat a. D. Wilhelm Gatzemeyer, der im
"Kapellchen" eine lange segensreiche Tätigkeit entfaltete.
Nicht zu vergessen ist ebenfalls der Einsatz von Oberregierungsrat Dr.
Gert Koeppel, der dem Verein neue Impulse gab. Er sprach über
kommunalpolitische Erfahrungen aus 51 Jahren am 21. Oktober 1958, er
stellte auch frühzeitig die interessantesten Daten
über die Geschichte unseres Bürgervereins zusammen.
Prominente fehlten nie. Gartenbaudirektor Balke diskutierte,
Baudezernent Prof. Hetzelt stellte sich zur Aussprache, Branddirektor
Winkler erläuterte Feuerschutzfragen. Dr. Heinz Wolff
berichtete über Aktualitäten aus der Kommunalpolitik,
beim Stadtverordneten-Forum im "Husar" am 10. November 1964
verzeichneten wir als Gäste Dr. Heinz Frowein, Dr. Erich
Lawatsch, Hans Rauhaus, Klaus Kriesche, Friedrich Schmidt. Dr. Frowein
war damals Oberbürgermeister unserer Stadt.
Aktuelle
und brandheiße Themen wurden aufgespürt und
freimütig behandelt. Da fällt am 10. Oktober 1961 die
außerordentliche Mitgliederversammlung über das
Thema "Großbauprojekt am Fernsehturm" auf. Der benachbarte
Bürgerverein Küllenhahn beteiligt sich mit seinem
gesamten Vorstand.
2. Gästebuch:
Zeitraum 1965 - 1976
Das
zweite Gästebuch, heute im Besitz unseres ersten Vorsitzenden
Dr. Eduard Schiemenz, beginnt am 16. Oktober 1965 mit einem Winterfest
im "Husar". Die Beteiligung war groß. Es endet
vorläufig mit einer Mitgliederversammlung am 17. März
1976 im Clubraum Bahnhof Döppersberg. Dort sprach Dr. Heinz
Wolff über eine Reise mit Bundesaußenminister
Hans-Dietrich Genscher nach Südamerika. Dazwischen lagen
wieder viele Denkwürdigkeiten, die leider nicht alle
aufzuzählen sind, der "General-Anzeiger" wurde am 14. Juli
1965 besucht, beim Stadtverordneten-Rundgespräch am 9.
November 1965 tat sich die SPD-Stadtverordnete Ruth
Kolb-Lünemann hervor, Margret Zapf stand ihr nicht nach. Prof.
Spohn sprach im Cafe Rutenbeck am 13. Juni 1967 über die
schulische Situation mit Blick auf das Gymnasium Süd, Alfred
Dobbert nahm am Stadtverordneten-Gespräch am 14. November 1967
teil. Oberstadtdirektor Werner Stelly, jetzt erst aus der Elberfelder
Südstadt weggezogen, stellte sich dem Bürgerverein am
10. März 1968, der jetzt so berühmte Politiker
Hans-Dietrich Genscher, Bundestagsabgeordneter Adolf Scheu und der
CDU-Bundespolitiker Dr. Otto Schmidt, ein Bürger der
Südstadt noch heute, bewährten sich im
Bürgergespräch als Bundestagskandidaten ihrer
Parteien.
L 418
damals umstrittenen
Auch
Landtagskandidaten stellten sich in offener Aussprache vor: Graetz
(SPD), Lichtenberg (CDU) und Ruppert (FDP). Es war ein
hochinteressanter und immer fairer Abend am 21. Mai 1970 in der
Gaststätte Freudenberg. Die neue Generation der
Führungsspitze unserer Stadt kam zum Bürgerverein:
Oberstadtdirektor Dr. Rolf Krumsiek am 24. Oktober 1972, Kurt Drees,
heute Bürgermeister, Gartenbaudirektor Per Halby Tempel,
Hochschulprobleme wurden erörtert, Gründungsrektor
Prof. Dr. Rainer Gruenter stellte die Bergische Universität am
13. Februar 1975 vor. Vorher hatten wir uns in einer Massenversammlung
in der Sagan-Kaserne mit rund 350 Teilnehmern mit dem Bau und der
Trassenführung der umstrittenen L 418 auseinander gesetzt.
Architekt Heinz Kisler, heute CDU-Stadtverordneter, vertrat dort
energisch Bürgerinteressen.
Wir
wollen es mit diesen Einblicken genug sein lassen. Sie sind nicht
vollständig. Sie sind typisch. Wenn der Bürgerverein
der Elberfelder Südstadt so weitermacht, wie seine
Gästebücher aus der Vergangenheit von 25 Jahren
erzählen, dann hat er seine Existenzberechtigung mehr als
unter Beweis gestellt.
Dieser
Beitrag vom Frühjahr 1976 erschien in Heft 1/1976 unseres
Mitteilungsblatts. Für unsere älteren Mitglieder und
alle, die sich für die Entwicklung des Bürgervereins
interessieren, ist er nach wie vor lesenswert.
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