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Museum für
Frühindustrialisierung Am 8. Juni besuchten wir das Museum für Frühindustrialisierung in Barmen, das seit Anfang 2004 über erheblich erweiterte Räumlichkeiten verfügt. Schon seit etwa 1400 wurde im Raum Barmen-Elberfeld auf den Wiesen an der Wupper Garn gebleicht. Das Leinengarn kam aus Westfalen und wurde nach dem Bleichen nach Köln verkauft. Die klimatischen Bedingungen waren günstig, da es hier viel regnete. Im Jahre 1527 erkauften sich die hiesigen Bleicher und Garnhändler vom Herzog von Berg das Privileg der Garnnahrung, das sie vor Konkurrenz im Bergischen Land schützte und Qualitätsnormen festsetzte. Ab Ende März wurden die Garnbündel auf den Wiesen ausgebreitet, wo sie sieben Wochen liegen mussten, um die ursprünglich grau-braune Farbe der Flachsfasern auszubleichen. Mit den Güten, langen hölzernen Wasserschaufeln wurden die Garnbündel immer wieder bespritzt Außerdem mussten sie regelmäßig gewendet werden, um auf den feuchten Wiesen nicht zu faulen. Um Stoffe weben zu können, benötigt man möglichst lange und feste Fäden mit geschmeidiger Eigenschaft. Natürliche Fasern (z. B. Flachs) und Tierhaare (vom Schaf) sind hierfür eigentlich zu kurz und zu dünn. Sie müssen erst zu reißfesten Fäden zusammengedreht, also versponnen werden. Seit dem Mittelalter benutzte man das Spinnrad.
Nach 1760 wurde die "Spinning Jenny" erfunden. Mit dieser noch von Hand betriebenen Maschine konnten bald 16, später bis zu 120 Spindeln gleichzeitig gedreht werden. Die Spinning Jenny eignete sich zur Produktion von lockerem Schussgarn; sie wurde in der Heimindustrie eingesetzt. Schon wenige Jahre später entwickelte man in England eine mit Wasserkraft angetriebene Spinnmaschine, mit der kräftigere Garne hergestellt werden konnten.
Der Elberfelder Unternehmer Johann Gottfried Brügelmann errichtete in Ratingen ab 1783 eine Fabrik, die er nach englischem Vorbild Cromford nannte. Hier wurde zunächst die in großen Ballen angelieferte Baumwolle in mehreren Arbeitsschritten aufgelockert und gesäubert, ehe man das Rohmaterial schließlich kardieren konnte.. Nach weiteren Arbeitsgängen hatte man eine Spinnlunte, die gestreckt und gefestigt werden musste, um sie aufspulen zu können. Aus diesem Vorgarn wurde in der Feinspinnmaschine dann das Baumwollgarn gewonnen, das eine dünnere und festere Struktur aufwies und sich für die Weberei eignete.
Etwa ab 1700
siedelten sich in Elberfeld und im Raum Wuppertal Weber an, deren Zahl
rasch anwuchs. Sie webten nicht nur für den lokalen Markt,
sondern auch bald schon für den Export, teilweise sogar bis
nach Übersee reichte. 1773 zählte man im
bergisch-märkischen Raum rund 2000 Webstühle auf
denen man Leinenzeug in Heimarbeit für Elberfelder und Barmer
Unternehmer herstellte. Und an etwa zusätzlichen 1.500
Webstühlen wurde Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle
angefertigt. Die in Elberfeld stehenden Webstühle dienten
zumeist der Breitweberei, während man sich in Barmen
stärker der Bandweberei widmete. Ein halbes Jahrhundert später dominierte in den hiesigen Webereien bereits die Seide, die man 1822 in Elberfeld und Barmen auf etwa 1.000 Webstühlen verarbeitete. Baumwoll- und Halbbaumwollstoff wurde auf rund 900 hergestellt, während Leinwand nur noch auf 51 Stühlen gewebt wurde. Die Seidentücher waren zumeist gefärbt und gedruckt, aber nicht gemustert. Dies änderte sich erst, als der Jaquard-Webstuhl eingeführt wurde. Bei ihm steuern zu Ketten verknüpfte Lochkarten das zu webende Muster. 1825 gab es schon 215 Seidenwebstühle mit dieser Ausstattung in Elberfeld, 1846 sind es ungefähr 1700. ![]() Jaquard- Webstuhl. (Bild) ![]() Bei diesem Bandwebstuhl werden vier Bänder gleichzeitig produziert....
Ausschnitt aus dem Stadtmodell: im Vordergrund der Hauptbahnhof und die Eisenbahndirektion mit drei Lichthöfen. In der Bildmitte der Neumarkt mit dem Elberfelder Rathaus.
Mit
der Nutzung der Dampfkraft begann die industrielle Produktion. 1821 kam
erstmals eine Dampfmaschine in einer Elberfelder Spinnerei zum Einsatz.
Bald darauf richtete der Textilunternehmer Friedrich August Jung im Gut
Hammerstein eine Spinnereifabrik ein, deren Maschinen von einer
40-PS-Dampfmaschine angetrieben wurden. Neben
den Webereien gab es auch Flechtereien im Wuppertal. Deren Produkte
sind fester als gewebte Bänder. Im 18. Jahrhundert wurden
Kordeln, Schnüre und Schuhriemen zunächst in
Handarbeit hergestellt, im 19. Jahrhundert dann maschinell. Die
Produktionsstätten von Kordeln, Litzen, Kanten und Spitzen
siedelte sich in Deutschland fast ausschließlich in Barmen
an, die unter dem Namen "Barmer Artikel" weltberühmt wurden. Mit der
Industrialisierung wuchs die Bevölkerung im damaligen
Wuppertal rasch an, die hektische Entwicklung war aber von
großen sozialen Problemen begleitet. Die Menschen wohnten oft
in sehr beengten Verhältnissen. Bei den Heimwebern stand der
Webstuhl im Wohnraum. Daneben stand das Spulrad, auf dem die Hausfrau
oder eins der Kinder das Garn auf die Schussspulen für den
Webstuhl aufwickelte. Hermann Enters hat einen anschaulichen Bericht
über dieses Leben verfasst. In Elberfeld entstanden um den
damaligen Stadtkern herum Elendsquartiere an der Gathe und am Island.
Am 1. Mai war jeweils großer Umzugstag, da man
Mietverträge damals in der Regel für jeweils ein Jahr
zu diesem Termin vereinbarte und viele ärmere Familien sich
nach einer neuen Bleibe umschauen mussten. Die Lage besserte sich erst
grundlegend, als nach 1870 Privatleute verstärkt in den
Mietwohnungsbau investierten und sich gemeinnützige
Baugesellschaften gründeten. Zu den Schattenseiten der Industrialisierung gehörte, vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die weit verbreitete Kinderarbeit in den Fabriken. Nach einem Bericht aus dem Jahre 1825 arbeiteten Kinder meist schon im Alter ab 6 Jahren in den Fabriken. Als billige Arbeitskräfte wurden sie gern genommen. Viele hatten einen langen Arbeitstag von zwölf und manchmal noch mehr Stunden vor sich, der nur durch wenige Pausen unterbrochen wurde. Für den Schulbesuch blieb da keine Zeit, und bei den stickigen Arbeitsbedingungen in den Fabrikhallen wurde auch die Gesundheit der Kinder angegriffen. Viele Kinder starben schon in frühen Jahren. Hungersnöte
und soziale Missstände veranlassten Kirchen und Kommunen,
Einrichtungen zur Armenpflege zu schaffen, zum Beispiel
Armenhäuser und Waisenhäuser. In Suppenanstalten
wurden an Bedürftige Mahlzeiten abgegeben, finanziert zumeist
durch freiwillige Spenden. Als im Jahre 1816 in Mitteleuropa
monatelange schlechte Witterung ein Missernte verursachte,
gründeten angesehene Elberfelder Bürger einen Verein
gegen Kornteuerung, um Getreide von weiter her anzukaufen und den
örtlichen Preis für Brot zu subventionieren. Ein
weiterer Meilenstein in der Armenpflege war 1853 die
Einführung des Elberfelder Systems. Das Stadtgebiet wurde in
Quartiere aufgeteilt, in denen sich jeweils ehrenamtlich
tätige Bürger um bestimmte bedürftige
Familien oder Personen kümmern. Neben den hier dargestellten Bereichen findet der Besucher in den Räumen des Historischen Zentrums/Museum für Frühindustrialisierung weitere Themenfelder, zum Beispiel zum Bau der ersten Eisenbahn, die 1841 von Düsseldorf bis zum Bahnhof Steinbeck reichte, oder zum religiösen Leben in Wuppertal des 19. Jahrhunderts. Und dann zeigt uns ein riesiges, 1941 in Gips gefertigtes Modell große Teile unserer Stadt, wie sie vor den Kriegszerstörungen aussah.
Weitere Informationen: www,buergerverein-elberfelder-suedstadt.de/zschrift1-2004/jahreshauptversammlung.html Weitere Links zum Thema: http://www.nrw-stiftung.de/projekte/projekt.php?id=181&archiv=Wuppertal&pl=projekte |