Das Buch vom Gemeindestift

Im August 2002 feierte das Reformierte Gemeindestift Elberfeld sein 325-jähriges Bestehen. Wir haben über diese Einrichtung, die ihren Ursprung im 1677 gegründeten Armenhaus am Mäuerchen nahm, sich seit 1889 in der Elberfelder Südstadt (Blankstraße) angesiedelt und inzwischen zum modernen Alten- und Pflegezentrum gewandelt hat, verschiedentlich berichtet. Ein Jahr nach dem Jubiläum erschien in der Reihe "Archivbilder" des Sutton-Verlags ein Sammelband, der die traditionsreiche Institution in einem größeren Zusammenhang darstellt.

So schildert Hans Joachim de Bruyn-Ouboter in einem Beitrag, wie nach der Reformation die calvinistische Bewegung im Rheinland Fuß fasste und etwa ab 1580 in Elberfeld die reformierte Gemeinde zur dominierenden Konfession wurde, die bis 1807 auch alle Bürgermeister und Ratsherren stellte. Die einst nach St. Laurentius benannte katholische Kirche am heutigen Kirchplatz wurde nach der Reformation evangelisch und Zentrum der reformierten Vorherrschaft in Elberfeld.


Das Vorkriegsfoto zeigt den 1889 eingeweihten Bau an der Blankstraße. Im mittleren Querflügel sieht man die großen Rundbogenfenster, durch die das Tageslicht in den einst zwei Etagen hohen Kirchsaal hinein schien. Beim Wiederaufbau wurden die oberen Stockwerke um eine Etage vermehrt, während man auf die Giebelmauern verzichtete.


In weiteren Kapiteln wird die Baugeschichte der Alten reformierten Kirche von 1689 und ihrer mittelalterlichen Vorgängerbauten beschrieben, die man durch Ausgrabungen im Frühjahr 1953 und dann noch einmal im Jahre 2003 untersuchte. Als die Bevölkerung Elberfelds im 19. Jahrhundert stark anwuchs, errichtete man die Neue reformierte Kirche (18S8) in der Sophienstraße und schließlich die mächtige Friedhofskirche, die 1898 eingeweiht wurde. Die Entwicklung der reformierten Gemeinde spiegelte sich auch in ihren Friedhöfen, die am heutigen Neumarkt (bis 1802), an der Baustraße (heute Else-Lasker-Schüler-Straße), ab 1842 an der Hochstraße und schließlich ab 1898 auch an der Krummacherstraße angelegt wurden.

Drei Jahrzehnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ließ die reformierte Gemeinde das Armenhaus bauen. Der für damalige Zeiten recht große, vierflügelige Bau mit einem Innenhof wurde außerhalb der Stadtmauer errichtet, etwa dort, wo heute die Straßen "Mäuerchen" und "Wirmhof" aneinanderstoßen und das Restaurant "Wagner am Mäuerchen" als Eckhaus steht. Im Innenhof des Armenhauses verlief der zweigeschossige Korridor, über den man die zahlreichen Räume erreichte. In dem weitläufigen Gebäude wohnten Arme, Alte und Waisenkinder, Bettler und Landstreicher, ferner pflegte man Kranke und nahm auch Geisteskranke auf. Außerdem befand sich im Obergeschoss des Armenhauses ein geräumiger Betsaal. Das hohe Sockelgeschoss des Hauses wurde massiv aus Stein erbaut und diente zugleich als Schutz gegen Hochwasser der damals noch nicht regulierten Wupper. Dank seiner Randlage außerhalb der dicht bebauten Altstadt, die jenseits des Mirker Bachs lag, blieb das Armenhaus beim verheerenden Stadtbrand von 1687 verschont, dem damals fast alle Häuser innerhalb der Stadtmauer zum Opfer fielen.


Das Luftbild zeigt die ausgebombte Südstadt. Am Bildrand oben links der Emil-Uellenberg-Platz, der unterhalb eingefügte Pfeil weist auf das Reformierte Gemeindestift hin. Rechts am Bildrand ist ein Teil von Schreiners Wiese zu erkennen.


Rund 200 Jahre später war das überwiegend als Fachwerkkonstruktion erbaute Armenhaus so marode und unhygienisch, dass man sich zu einem Neubau entschloss. So wurde 1889 der große Backsteinbau an der Blankstraße eingeweiht. Bis zum Jahre 1937 wurden neben alten Men­schen auch Kinder im Reformierten Gemein­destift aufgenommen. Danach kümmerte sich die städtische Wohlfahrtspflege um die Kinder, das Gemeindestift wurde zum Altenheim. Beim Luftangriff auf Elberfeld Ende Juni 1943 brannte auch das Gemeindestift aus. Nur die Grundmauern überlebten das Infer­no. Ein Luftbild vom Mai 1945, aufgenom­men von der US Air Force, dokumentiert eindrücklich, wie total die Elberfelder Süd­stadt zerstört wurde: Bei dem Straßennetz zwischen dem (dama­ligen) Emil-Uellenberg-Platz, der Straße Grifflenberg und den Eisenbahngleisen zwischen Blücherbrücke und Adersstraße blickt man senkrecht in die ausge­brannten Häuserzeilen. Ab 1949 begann der Wiederaufbau des Alters­heims, das bereits im Dezember 1950 erneut eingeweiht wurde. Im Frühjahr 1955 wurde das zur Augustastraße hin gelegene "Kleine Haus" eröffnet. Zwanzig Jahre später kam noch das Hochhaus mit seinen zahlreichen Appartements hinzu. Heute leben rund 330 alte Menschen im Gemeindestift, um die sich etwa 300 Mitarbeiter(innen) kümmern.

Das Buch beleuchtet in weiteren Kapiteln noch manche Besonderheiten des Gemeindestifts, in dem früher Kaiserswerther Diakonissen arbeiteten. Seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg betreuen Zehlendorfer Dia-konieschwestern die Bewohner des Reformierten Gemeindestifts, das in den letzten Jahrzehnten zum modernen Alten- und Pflegezentrum umgestaltet wurde.

Mit zahlreichen Fotos vermittelt das Buch ein lebendiges Bild aus der wechselvollen Geschichte des Reformierten Gemeindestifts, zu der auch das reformierte Predigerseminar und die Bekennende Gemeinde zählen, die sich schon im Jahre 1933 von den NS-hörigen "Deutschen Christen" abwandten. Der letzte Teil des Sammelbands berichtet in Wort und Bild vom 24. August 2002, als mit dem alljährlichen "Familientag der offenen Tür" zugleich der 325. Geburtstag des Gemeindestifts gefeiert wurde.

Heta Kriener und Herbert Günther:
Vom Armenhaus zum
Alten- und Pflegezentrum.
325 Jahre diakonisches Netz.
Sutton-Verlag
Erfurt 2003,
ISBN 3-89702-612-0,955.,
Preis: 17,90 Euro.

Mehr Informationen:

http://www.suttonverlag.de/such_u_best/suche.php3?id=612