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Buchvorstellung:
Wuppertal
und die NS-Zeit
Vortragsreihe
als Sammelband
Vor zwei Jahren fand in der
Begegnungsstätte Alte Synagoge eine Vortragsreihe statt, in
der aktuelle Forschungen zum Nationalsozialismus vorgestellt
wurden. Die Referenten stießen auf so großes
Interesse, dass der Vortragsraum öfters überfüllt
war. Inzwischen sind die Vorträge, mit Anmerkungen ergänzt,
in einem Sammelband erschienen.
Aufstieg
der NSDAP
Ulrich Klein befasst
sich mit dem Aufstieg der NSDAP in den zwanziger Jahren in
Elberfeld und Barmen. Bereits im September 1922 wurde eine
Ortsgruppe im Evangelischen Vereinshaus, das damals noch einen
großen Veranstaltungssaal besaß, an der Kasinostraße
gegründet. Nach einem Verbot der NSDAP in Preußen und
anderen Ländern traten die Rechtsextremisten in anderen
Organisationen an, bis das Parteiverbot Anfang 1925 aufgehoben
wurde. 1925/26 arbeitete Joseph Goebbels (der spätere
Propagandaminister) als Parteifunktionär und Agitator in
Elberfeld. Die Geschäftsstelle befand sich anfangs in der
Holzer Straße 4, wo auch Goebbels wohnte, dann in der Auer
Schulstraße 8 und schließlich in der Alsenstraße
27. Nach eher bescheidenen Wahlresultaten in den frühen
Jahren erlebte die NSDAP ihren großen Aufstieg. Bei der
Reichstagswahl am 14. September wurde sie in Wuppertal mit 23 %
der abgegebenen Stimmen zur stärksten Partei. Und die Zahl
der Parteimitglieder vervierfachte sich in Wuppertal in weniger
als einem Jahr.
Widerstand
gegen den Nationalsozialismus
Dieter Nelles widmet
seinen Beitrag dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in
Wuppertal in der Zeit des Dritten Reichs. Der Autor geht vor allem
auf den Bereich der Arbeiterbewegung mit Gewerkschaften und
Linksparteien ein, aus denen - trotz des Verbots ihrer
Organisationen - aktiver Widerstand gegen die Naziherrschaft
geleistet wurde. Die NS-Machthaber bei Justiz und Gestapo rächten
sich mit drakonischen Strafen und willkürlicher Einlieferung
in Konzentrationslager. Diesem Terror waren auch Gegner des
Regimes in der evangelischen und katholischen Kirche ausgeliefert.
Zwischen dem sozialistischen und den christlichen Milieus gab es
aber kaum Verbindungen. Manche Bereiche des Widerstands gegen den
Nationalsozialismus in Wuppertal sind bisher noch nicht umfassend
wissenschaftlich aufgearbeitet worden.
Verfolgung
der Zeugen Jehovas
Christian Leeck hat
sich mit der Verfolgung der "Ernsten Bibelforscher"
(Zeugen Jehovas) in Wuppertal beschäftigt. Die Anhänger
dieser Religionsgemeinschaft lehnten aus Glaubensgründen die
Teilnahme an politischen Wahlen ab und verweigerten den von den
Nazis eingeführten "deutschen Gruß" ("Heil
Hitler"). Wegen ihrer standhaften Haltung wurden die Anhänger
dieser Sekte aus dem öffentlichen Dienst verdrängt,
verfolgt und verhaftet. Nicht wenige kamen ins KZ, wo sie als
eigene Häftlingskategorie gekennzeichnet und misshandelt
wurden.
Übler
SA-Schläger wird Polizeipräsident
David Magnus Mintert
beschreibt am Beispiel des SA-Führers Willi Veller (1896 -
1941), wie ein besonders übler SA-Schläger 1930 zum
Reichstagsabgeordneten gewählt und im Juli 1933 zum
Polizeipräsidenten von Wuppertal ernannt wurde. Veller ließ
das KZ Kemna einrichten, das zwar nur bis Anfang 1934 bestand,
aber zu den berüchtigten frühen Konzentrationslagern
zählt.
Arisierung
von Geschäften
Frank Sparing und
Stephan Stracke haben einen Vortrag zur "Entjudung"
der Wuppertaler Wirtschaft in den Jahren 1933 bis 1938
beigesteuert. Schon wenige Wochen nach der "Machtergreifung"
setzten aggressive Boykottkampagnen gegen jüdische Geschäfte
ein. In den ersten fünf Jahren des "Dritten Reichs"
wurden viele jüdische Unternehmer durch Sondergesetze und
"Arierparagraphen" gezwungen, ihre Geschäfte und
Betriebe aufzugeben. So wurde zum Beispiel das Kaufhaus Tietz
bereits im Sommer 1933 "arisiert" und in Kaufhof
umbenannt. Ab Frühjahr 1938 wurde die planmäßige
"Arisierung" der jüdischen Unternehmen verstärkt.
Die scheinlegale Grundlage hierzu war die "Verordnung über
die Anmeldung des Vermögens von Juden" vom 26. April
1938. Bis zum Jahresende 1938 mussten alle jüdischen
Unternehmen des Groß- und Einzelhandels und des Handwerks
zwangsweise "arisiert" oder aufgelöst werden. Die
beiden Autoren gehen auch auf die willfährige Rolle der
Industrie- und Handelskammer bei der "Arisierung"
jüdischen Eigentums ein. Mit den Ausschreitungen in der
Pogromnacht ("Reichskristallnacht") vom 9./10. November
1938, als die Synagogen in Barmen und Elberfeld in Brand gesteckt
und zerstört wurden, wurden auch zahlreiche jüdische
Geschäfte, etwa in der Herzogstraße, und Wohnungen
verwüstet und geplündert.
Terror
der Gestapoaußenstelle
Unter dem Titel "Bürokratie
und Terror" beschreibt Holger Berschel das
Judenreferat der Gestapoaußenstelle Wuppertal. Diese
Dienststelle der Geheimen Staatspolizei befasste sich zum einen
mit Verwaltungsaufgaben, die mit der Verschärfung der
Judenverfolgung zunahmen und schließlich die Deportationen
in den Jahren 1941 und 1942 betrafen. Am Beispiel des Transports
vom 22. April 1942 erläutert Berschel, wie sich die zur
Deportation bestimmten Juden am Steinbecker Bahnhof einzufinden
hatten, nach Düsseldorf fuhren und schließlich von dort
mit dem Deportationszug nach Izbica (bei Lublin/Polen) gebracht
wurden.
 Nach
der sogenannten Arisierung bisher jüdischer Geschäfte
inserierten die neuen Inhaber in der Zeitung mit dem Hinweis: "in
deutschen Besitz übergegangen ".
Eine weitere Einrichtung des
Herrschaftsapparats waren die NS-Sondergerichte, über die
Herbert Schmidt gearbeitet hat. Sie arbeiteten ohne
gerichtliche Voruntersuchungen und tagten mit sehr kurzer
Ladungsfrist. So wurde die Position der Verteidigung an den
Sondergerichten geschwächt, während die Anklagebehörde
gestärkt wurde. Seit 1938 konnten die Sondergerichte, die
eigentlich für einzelne politische Verbrechen zuständig
waren, auch solche Fälle der unpolitischen Alltags- und dann
der Kriegskriminalität an sich ziehen, die eigentlich in die
Zuständigkeit der Amts- und Landgerichte fielen.
In Wuppertal wurde
das NS-Sondergericht erst ziemlich spät eingerichtet, im
Sommer 1942. In den knapp drei Jahren bis zum Kriegsende fällte
das hiesige Sondergericht allein 23 Todesurteile und verhängte
etwa 340 Haftstrafen (Zuchthaus, Straflager, Gefängnis).
Schmidt erläutert an einigen Urteilssprüchen, wie
menschenverachtend hier Richter und Staatsanwälte handelten.
1967/68 fand vor
dem Landgericht Wuppertal der sogenannte Bialystok-Prozess statt,
mit dem sich Michael Okroy beschäftigt hat. In dem
Prozess standen 14 Polizisten, manche aus Wuppertal, wegen
Massenmords vor Gericht: Angehörige eines Polizeibataillons,
die im Juni 1941 - wenige Tage nach dem Beginn des
Russlandfeldzugs - in die ostpolnische Stadt Bialystok eingerückt
waren, die seit September 1939 (Hitler-Stalin-Pakt) unter
sowjetischer Besatzung stand. Über 2000 jüdische Männer,
Frauen und Kinder wurden von dem Polizeibataillon 309 binnen
weniger Tage umgebracht. Ein besonders grausiges Ende erlitten
etwa 800 Juden, die in der Hauptsynagoge eingesperrt und bei
lebendigem Leibe verbrannt wurden. Okroy schildert die
jahrelangen Schwierigkeiten, die den Ermittlern bei der
Vorbereitung des Strafverfahrens begegneten, zumal einige der
Angeklagten noch im aktiven Polizeidienst hohe Stellungen
bekleideten. Außerdem enthält der Sammelband einen
Beitrag des Bochumer Historikers Norbert Frei: "Ein
Datum, das verblasst - Die Zäsur des 30. Januar entschwindet
dem Gedächtnis der Deutschen". Dieser Beitrag wurde zum
70. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme
verfasst. Der Essay nimmt nicht unmittelbar zur Wuppertaler
Thematik Bezug, sondern bietet einen knappen Überblick zum
Umgang mit diesem einschneidenden Datum in der bundesdeutschen
Nachkriegspolitik und der Geschichtswissenschaft. Feis Vortrag
eröffnete den Veranstaltungszyklus Anfang 2003.
Nur
wenige Täter zur Rechenschaft gezogen
Mit seinen Beiträgen
beleuchtet der Sammelband einige wichtige Teilbereiche der
nationalsozialistischen Diktatur in Wuppertal, die sich auf nicht
wenige Beteiligte in Polizei, Justiz und Verwaltung stützen
konnte. Nur wenige Täter wurden nach 1945 für ihr
Handeln zur Rechenschaft gezogen. Auf der anderen Seite standen
zahlreiche Gegner und rassisch Verfolgte des Regimes, die
erbarmungslos eingesperrt und in vielen Fällen ermordet
wurden. Das vorliegende Buch bietet eine vorzügliche
Ergänzung zu drei in den achtziger Jahren von Klaus Goebel
herausgegebenen Bänden über Wuppertal in der Zeit des
Nationalsozialismus, an denen zahlreiche Autoren mitgewirkt haben.
Zusammen mit weiteren Publikationen zur NS-Zeit in Wuppertal
bieten sie vielfältige Ansätze, dem Vergessen
entgegenzuwirken.
Michael Okroy /
Ulrike Schrader (Hrsg.): Der 30. Januar 1933 - Ein Datum und seine
Folgen. Aktuelle Forschungen zum Nationalsozialismus in Wuppertal.
Herausgegeben im Auftrag des Trägervereins der
Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal e.V., Wuppertal
2004, ISBN-Nr. 3-9807118-6-2, 135 S., Preis: 12,- Euro.
Mehr
Informationen:
www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/literatur/uebersicht_einrichtung.php3 ?einrichtung=wuppertal
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